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Axel Klingenberg
Abenteuer im Öffentlichen Personennahverkehr IV – Planlos in Braunschweig
Es ist natürlich Montag. Es ist in meinen Geschichten fast immer Montag. Fast komme es mir so vor, als würde meine Welt nur aus Montagen bestehen. Vielleicht hat dies aber auch nur dramaturgische Gründe. Ich steige in den Bus, will zur Arbeit fahren, auf Montage. Während der Fahrt will ich aber schnell noch ein paar Seiten lesen. Ich hole die Franz-Kafka-Gesamtausgabe aus meinem Rucksack. Sie ist zwar etwas sperrig (in jeder Hinsicht), aber vielleicht kommt man mal in einen Stau.
Plötzlich schrecke ich auf. Der Busfahrer hupt. Einer aus Verden will rechts abbiegen. Geht aber nicht. Geht schon, sollte man aber nicht. Ist nämlich eine Einbahnstraße. Das könnte zu gewissen Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmern führen. Das Auto bremst und wendet. Das ist ja noch mal gutgegangen. Wir lachen den Verdener aus. Hahaha.
Der Bus hält am Rathaus, ich lese weiter. Dann schrecke ich wieder auf. Ich muss doch hier raus, um in einen anderen Bus einzusteigen. Ist schließlich die Umsteigehaltestelle hier. Ich springe auf, drücke das Knöpfchen, die Tür öffnet sich und ich bin draußen.
Mir kommen Zweifel. Ich schaue mir die Nummer des Busses an. 443. Das ist die richtige Linie. Ich brauche gar nicht umzusteigen. Ich überlege, ob ich wieder einsteige. Nee, das geht auch nicht. Sieht doch scheiße aus, was sollen die Leute von mir denken?
Andererseits: Ist doch egal, was die denken, die kennen mich doch gar nicht. Aber man trifft sich immer zweimal, heißt es. Und dann werden sie sagen: „He, du bist doch der, der ständig aus Bussen ein- und aussteigt!“ Dann werden sie lachen. Hahaha. „Ich kann doch nichts dafür, ich komme aus Verden“, antworte ich dann schnell und verschwinde in der Menge.
Leben und Sterben in der Bumsdorfer Fußgängerzone
Gelegentlich muss man auch als eingebildeter Dichter seinen Elfenbeinturm verlassen und seinen imaginären Dichtern gebieten, nichts anzufassen, solange man nicht da ist. Dann begibt man sich in die Fußgängerzone und lernt das Volk kennen. Es läuft dort aufgeregt hin und her und schleppt dabei schicke Designerpapiertüten mich sich herum. Da heißt es Ruhe bewahren und Geduld haben und sich auf die wenigen Exemplare konzentrieren, die an ihrem Platz stehen oder sitzen bleiben. Das sind vor allem Leute, die von Berufs wegen dort sind, z.B. Straßenmusiker. Unter ihnen gibt es deutsche Akustikgitarristen, russische Akkordeonduos und peruanische Panflötenspielergruppen. Manchmal steht in der Fußgängerzone sogar ein pseudoschottischer Dudelsackspieler und dudelt überlaut vor sich hin. Geistlichen Beistand findet man durch einen Gottes Wort verkündenden Prediger, der gelegentlich einer vorbeieilenden beminirockten Frau „Hure, Hure, du bist eine Hure“ hinterher brüllt.
Von den peruanischen Panflötenspielern gibt es am meisten. Es sind viele, sehr viele sogar, wahrscheinlich hunderttausende, denn sie stehen überall, in jeder Fußgängerzone zwischen Cottbus und Aachen, ja sogar im Ausland, in Holland, habe ich sie schon gesehen. Vielleicht sind es aber auch immer dieselben und sie eilen nur ständig hin und her, um überall Menschen mit ihrem Panflötenspiel zu erfreuen. Meinetwegen müssten sie das aber nicht tun, denn Panflötenspieler „rocken“ auf die Dauer nicht so, wie man so sagt, wenn man hip und jung sein will. Ich bin hip und alt, ob-wohl ich erst Ende dreißig bin, manchmal sage ich auch, dass ich erst Mitte dreißig bin, je nachdem, wie mein gefühltes Alter gerade so ist.
Und abends bin ich oft älter als morgens... Na gut, das ist ja auch logisch, aber ich bin abends auch kleiner – groß und jung morgens, klein und alt abends. Wenn man viel durch die Fußgängerzone geht, wird man auch immer kleiner, denn der Körper drückt auf die Knochen und die Gelenke und man sackt etwas ein. Daher kommen auch die unterschiedlichen Größenangaben bei Musterungen und in Personalausweisen. Das ist eine wissenschaftliche Erkenntnis. Allerdings klappt man nachts wieder aus und ist am nächsten Morgen wieder so groß und hip wie ehedem. Und irgendwann kippt man dann um, z.B. in der Fußgängerzone, und steht nicht mehr auf. Dann ist man nicht mehr hip und nicht mehr alt, sondern tot.
Vielleicht wird man dann von peruanischen Panflötenspielergruppen, russischen Akkordeonduos und deutschen Akustikgitarristen umringt. Mir persönlich wäre es jedoch am liebsten, wenn der Dudelsackspieler mir zu Ehren seinem ungewöhnlichen Instrument martialische Töne entlocken würde. Aber bitte sorgt dafür, dass der brüllende Prediger nicht meine Totenrede hält, denn er hätte sicherlich nichts Gutes über mich zu sagen.
Danke!
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